Spaziergang am Zooschaufenster Leipzig

Es war neblig, trüb und die Kälte zog selbst durch die dicken Wintermäntel. Trotz dieses düsteren Novemberwetters kamen zehn Damen, die sich beim gemeinsamen Spaziergang fröhliche, warme Gedanken machen wollten und dem Wetter trotzten. Wir starteten direkt auf dem Schulplatz vor der II. Höheren Bürgerschule am Pleißemühlgraben, gegenüber vom »Alten Theater« (1943 zerstört) – wenn wir vor 100 Jahren dort gestanden hätten. Heute beherbergt das Gebäude an der Kreuzung Tröndlinring/ Goerdelerring unser Naturkundemuseum Leipzig.

Exkurs: Dieses alte Museum, welches seit 1923 dem Gebäude innewohnt, haben wir dem Engagement des Naturwissenschaftlers Emil Adolf Roßmäßler zu verdanken, der bereits 1859 die Errichtung eines »Landesmuseums für vaterländische Geschichte und Industrie« von der Stadt Leipzig forderte, um die Volksbildung zu fördern.

Wir folgten dem alten Verlauf der Pleiße, vorbei an den ehemaligen Wäschereien Richtung Park. Das Rosentaltor (früher Stadttor) mit seinem goldenen Lorbeerkranz wies uns den Weg, es bildet den Eingang zum Rosental. Neben Ahorn, Traubeneiche und Erle stehen hier auch exotischere Gewächse wie Sumpfeiche oder Echte Sumpfzypresse: Wir sind im Leipziger Auwald!

Schon standen wir am kleinen Teich auf der großen Wiese und erblickten einen Reiher, der sich kaum bewegte, er wollte wohl einen Fisch oder gar einen Frosch angeln. Man mag kaum glauben, dass sich August der Starke vor mehr als 200 Jahren hier als »Königliche Anregung zur Verschönerung Leipzigs« ein Lustschloss bauen lassen wollte. Doch die Leipziger Stadtväter wehrten sich dagegen und so weisen nur noch die sechs Wegeachsen, die vom »Schloss« wegführen, auf die damalige Bestimmung dieses Ortes hin.

Weiter ging es über die Wiese zum Zooschaufenster. Wir hatten viel Glück, denn die Tiere hatten, wie es schien, auf uns gewartet. Nashorn, Marabus, Hyänen, Strauße, Zebras, Thomsongazellen, Säbelantilopen und sogar Giraffen positionierten sich direkt vor den drei offenen Fenstern im Schilf. Ein Zebra »lächelte« uns an und stand als Fotomodell zur Verfügung. Alle waren begeistert und meinten, bereits jetzt habe sich der Spaziergang gelohnt.

Hinter dem Zooschaufenster spazierten wir Richtung Gohlis, vorbei an den Leier­hirschen und Kranichen. Über eine Brücke gelangten wir geradewegs zum Gohliser Schlösschen, welches 1756 von dem Leipziger Kaufmann und Ratsbaumeister Johann Caspar Richter entworfen und in Auftrag gegeben wurde. Seitdem ist dieses einzigartige Barockschloss nicht nur für Leipziger ein beliebtes Ausflugsziel am Kickerlingsberg. Wir schauten kurz in den kleinen Garten, liefen dann durch die Straßen vom südlichen Gohlis und bewunderten die beeindruckenden, reich verzierten Jugendstillvillen, die sich Leipziger Großbürger Anfang des 20. Jahrhunderts hier bauen ließen. In der Lumumbastraße, welche nach dem bekannten kongolesischen Freiheitskämpfer Patrice Lumumba benannt wurde, befindet sich das Herderinstitut, welches seit 1951 ausländischen Studierenden die deutsche Sprache nahe bringt.

Der Schlusspunkt unseres Spaziergangs war der Nordplatz mit der 1904 eingeweihten Michaeliskirche. Diese Sandsteinkirche, welche Neorenaissanceformen mit Jugendstilelementen verbindet, fügt sich gut in die Bebauung ein. Die Dämmerung setzte ein, wir verabschiedeten uns in der Vorfreude, dass wir im neuen Jahr wieder kleine Spaziergänge im Leipziger Natur- und Kulturraum unternehmen werden. Schauen Sie in unsere »Termine«. Simone Böhme

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