Erinnern für die Zukunft

In der Ausstellung wurde diskutiert, inwiefern ein Erinnern an die NS-Zeit, an die Greueltaten, an die Opfer heute noch wichtig ist. Die Auseinandersetzung mit Geschehnissen heutiger Tage sollte mit demokratischen Mitteln sachlich und auf breiter Basis geführt werden.

Fritz Hundt mit seiner Ausstellung im Clubraum der Aktiven Senioren Leipzig. Die mit großer innerer Anteilnahme
auf die Tafeln übertragenen Abschiedszeilen sind der Kern dieser Ausstellung.

In unser Sport- und Begegnungszentrum Döllingstraße konnten wir in Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement Paunsdorf die Ausstellung »Leipziger Widerstandskämpfer und ihre Abschiedsbriefe« holen. Jede der 14 Tafeln ist einem der Leipziger Widerstandskämpfer in der Zeit des Nationalsozialismus gewidmet. Fritz Hundt, ehemals Lehrer am Sportgymnasium Leipzig, hat in aufwändiger Arbeit diese Tafeln erstellt.

Außerdem konnten wir Alfons Kenkmann, Professor für Geschichtsdidaktik an der Uni Leipzig, begrüßen. Er gab einen kurzen historischen Hintergrund zu den genannten Widerstandskämpfern und zur konkreten Situation des antifaschistischen Widerstands in Leipzig. Die Ausführungen Professor Kenkmanns waren sehr beeindruckend und für uns teilweise überraschend. Anhand konkreter Zahlen legte er dar, dass z.B. die Zahl der aktiven Widerstandskämpfer bedeutend geringer war, als es in DDR-Zeiten immer behauptet wurde. Zudem war der Widerstand nicht einheitlich. Es bestanden mehrere voneinander unabhängig agierende Gruppen um Schumann, Zipperer bzw. Plesse.

Nach diesem geschichtlichen Überblick sprach Fritz Hundt über die Entstehung seiner Ausstellung. Neben personellen Eckdaten und einem Porträtfoto sowie einem der letzten Ruhestätte (es gibt meist nur wenige Fotodokumente von den Widerstandskämpfern aus dieser Zeit) stellte er den Abschiedsbrief des zum Tode Verurteilten in den Mittelpunkt. Den übertrug Herr Hundt in gut lesbarer Handschrift akribisch auf die Tafel. Bei diesem Prozess konnte er sich besonders gut in die damalige Situation einfühlen.

Außergewöhnlich war, dass die Abschiedszeilen von Karl Jungbluth erst vor wenigen Monaten den Weg zu Herrn Hundt und erstmalig in die Öffentlichkeit fanden. Er lernte die Tochter von Jungbluth bei einer Ausstellungseröffnung kennen. »Sie überreichte mir feierlich seinen Abschiedsbrief, der an sie gerichtet war (damals war sie 3 oder 4 Jahre alt) und den Brief, der ihrer Mutter galt. Sie hatte die beiden Briefe bis dahin aufbewahrt und nun nach über 70 Jahren übergab sie sie mir …  Ich war sehr glücklich über diese Begebenheit und nahm den Brief mit in die Ausstellung auf«. Für uns alle sehr bewegend war, als Herr Hundt die junge Stadtteilmoderatorin Luise Kneipel bat, diese Abschiedszeilen vorzulesen. Das war ein emotional sehr berührender Moment!

In der Diskussion stellten wir erstaunt fest: Keiner der Abschiedsbriefe schildert das persönlich erlittene Leid oder die Angst vor dem nahen Tode, dafür aber die Überzeugung, dass die Hinter­bliebenen tapfer und zuversichtlich diese schwere Zeit überwinden sollen, dass die Zukunft für die Angehörigen besser sein wird. Die zum Tode verurteilten wollten ihren Familien Leid und Traurigkeit mildern und Mut zusprechen.

Gäste kamen aus verschiedenen Gründen zu unserer Vernissage. Sie berichteten zum einen über ihre Erfahrungen bei den Nachforschungen über vermisste/verschwundene Angehörige aus der eigenen großelterlichen Generation.

Ein Mitglied berichtete: Meine Mutter heiratete einen Mann, der dann zur SA ging. Der schenkte uns braune Anzüge, die wir als Kinder anziehen sollten. Unsere Tante färbte sie beherzt schwarz – das war gelebter Widerstand im Kleinen.

Ein anderer Besucher suchte nach der Spur seines Großvaters, welcher bereits Anfang der 30er Jahre nach Prag ging und so vor dem NS-Regime floh. Später ging er nach Portugal und Spanien, wo sich seine Spur verliert. Professor Kenkmann weiß, dass viele Sozialdemokraten in den 40ern nach Spanien gingen und bis heute meist unklar ist, wo sie verblieben sind, gestorben, ermordet, gefallen? Spanien arbeite erst seit wenigen Jahren die Kriegszeit in den 40er Jahren unter Franco auf. Dies geschehe nicht wie bei uns mit staatlichen Mitteln, sondern nur durch private Initiativen.

Mit den Erfahrungen, die wir sammeln, wächst das Bewusstsein dafür, dass wir nicht vergessen dürfen. Zumal die Generation des Krieges, des National­sozia­lismus, des Holocaust oft so hartnäckig schwieg. Um zu vergessen? Das Erlebte zu ertragen? Seine Angehörigen nicht zu belasten? Die Traumata des Nationalsozialismus und des II. Weltkrieges wirken in den Angehörigen und deren Familien über Generationen bis in unsere Zeit nach.

Und gerade weil die letzten Zeitzeugen, auch die des alltäglichen Lebens, die »kleinen Leute«, bald nicht mehr persönlich zu uns sprechen können, müssen wir es ihnen noch entlocken, müssen wir sie fragen: Wie ist es dir ergangen? Was musstest du entbehren? Wie hast du den Alltag in diesen schwierigen Zeiten erlebt? Was bereust du getan oder nicht getan zu haben?

Unser Fazit: Konkrete persönliche Schicksale sind emotional viel nachhaltiger als allgemeine Berichte. Sie machen Geschichte erst lebendig. Und sie bringen jüngeren Menschen diese grausame Zeit viel besser näher als abstrakte Geschichtsdaten. Wir brauchen deshalb auch immer wieder Möglichkeiten wie z.B. diese Ausstellung, um den Austausch zwischen den Generationen anzuregen. Nur mit den Erfahrungen und den Lehren daraus können wir nämlich unsere Gegenwart bewältigen und die Zukunft menschlich gestalten.

Im Sport- und Begegnungszentrum Döllingstraße trafen sich interessierte Besucher zur Ausstellung »Leipziger Widerstandskämpfer und ihre Abschiedsbriefe«
Großes Interesse zeigen auch jüngere Menschen beim Thema Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Es kam zu regem Gedankenaustausch.